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Dienstag, 30. Oktober 2012

Adam wo bist Du?



Gott und die Welt 

Ich glaube nicht daran, dass ihr Christen wirklich glaubt, dass Gott die Menschen liebt! Sonst müsstet ihr anders reden und handeln!“ 



Die Problematik unserer Welt ist so komplex, dass der Eindruck entsteht, dass die Probleme unlösbar sind. Die Nöte und Schwierigkeiten sind unübersehbar. Menschen leiden. Menschen weinen. Menschen sterben. Viele haben resigniert und geben sich dem Schicksal widerstandslos hin. Andere rebellieren und wenn sie schon verzweifelt sterben müssen, nehmen sie lieber andere mit in den Tod. Dabei ist es egal, ob sie im Selbstmordanschlag oder Amoklauf Schuldige oder Unschuldige treffen. All das ist der Schrei einer verlorenen und hoffnungslosen Menschheit. Daher bricht die Frage nach der Zuwendung Gottes zur Welt auf. Hat Gott diese Welt aufgegeben?
Die Mehrheit der Menschen in Europa hat sich von den großen Volkskirchen distanziert. Selbst wenn sie noch offiziell Mitglied sind, spielt die Kirche keine wesentliche Rolle in ihrem Leben. Die Shell-Jugendstudie 2010 stellt fest, dass Religion in Deutschland weit im Abseits ist(1). Es existiert kein Vertrauen mehr in die Institution Kirche. Skandale von Psychoterror und Gewalt, sowie Missbrauch von Macht und Einfluss haben das Ansehen der Kirche untergraben. Vorwürfe von sexuellen übergriffen durch Geistliche wirken sich katastrophal gegen die katholische Kirche aus. Diese negativen Wirkungen verstärken sich noch durch die Verschleierungstaktiken in der denominationellen Hierarchie.

In den Protestantischen Kirchen sieht das oft noch schlimmer aus. Nur ein Bruchteil der offiziellen Kirchenmitglieder beteiligt sich an dem Leben der Kirche. Die von der Aufklärung bestimmte Liberale Theologie, welche die Existenz Gottes und damit die persönliche Beziehung zu Gott in Frage stellt, hat dem Evangelium die Kraft genommen. Die erlebbare Gottesbeziehung, welche durch Christen aller Zeiten bezeugt wurde, war die Kraft des missionarischen Engagement in Liebe und aufopferungsbereiten Hingabe an die Menschen. Die Reduzierung des Evangeliums auf ein philosophisches Konstrukt ohne realen Gottesbezug verwandelt die biblische Botschaft in diabolischer Tyrannei eines versklavenden Moralismus.
Die Kenosis (gr. κένωσις) Gottes in der Person Jesu von Nazareth ist die zentrale Aussage des christlichen Evangeliums. Christentum, welches den lebendigen und auferstanden Christus leugnet und damit sich von dem, sich der Welt in Liebe zuwendenden Gott distanziert, hat nichts, gar nichts, einer verzweifelten, nach „Froher Nachricht“, nach Evangelium, lechzenden Menschheit zu bieten. Paulus konstatierte diesen Selbstbetrug mit der Aussage: Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos. Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt ...  Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos ... und wir sind  erbärmlicher darn als alle anderen Menschen! (1Kor 15,14-20)
Mit der Verneinung der göttlichen Intervention in Zeit und Raum und damit der Erfahrbarkeit Gottes, verliert auch Kirche ihre heilbringende Substanz. Ohne Anker im transzendetalen Gottesbezug geht sie als substanzloser Teil in der Welt auf. Sie wird als Heilsinstrument inexistent. Von verschiedenen liberalen Theologen wird die Säkularisierung ursprünglich religiöser Inhalte und die Auflösung von „Kirche“ in die Kultur, der „Welt“ oder in das Säkulare hinein als Jesus gemäß angesehen. Statt Licht, das heißt Orientierung zur Lebensbewältigung und Salz, die lebenserhaltene Kraft, zu sein, ist die Kirche dabei so weit in der Welt aufgegangen, dass sie selber Teil und damit Verursacher der gesellschaftlichen Problematik ist. Kirche und Welt ist so eins, dass sie nicht in der Lage ist, wirkliche Hilfe zu geben. Ja, Kirche, die ecclesia, die Gemeinschaft der zur Verantwortung herausgerufenen, weil sie nicht mehr als Herausgerufene existiert, ist somit aufgelöst.
Auf der anderen Seite ist die Gruppe von Kirchgängern, auch die Mitglieder der Freikirchen, nicht in der Lage, einen relevanten Bezug zwischen Frömmigkeit und Alltag herzustellen.  Sie bilden exklusive Gemeinschaften der in Gemeinschaft zu Gott Berufenen. Viele Christen und Christengemeinschaften haben sich deshalb von dem Rest der Menschheit abgewandt. Sie sehen ihre Gemeinde als Rettungsburg, in der sie ein Stück heile Welt leben oder als Arche, in der sie sich vor der Flut des Bösen in Sicherheit bringen. Alle Bestrebungen sind nun darauf gerichtet, diese Burg zu bauen und gegen störende Einflüsse zu schützen. Der Bau der Gemeinde, der Rettungsburg, wird somit zur zentralen Aufgabe der kirchlichen Aktivität. Die kirche, die Gemeinde ist somit nur mit sich selber beschäftigt. Jesus selber hat es sich jedoch selber vorbehalten, der Erbauer seiner Gemeinde zu sein (Matth 16,18), während seine Nachfolger ihn bezeugen sollte (Apg 1,8). 
Der Erhalt dieser vermeintlichen Rettungsburg wird dann wichtiger als die Menschen. Die institutionelle Kirche / Gemeinde wird so zum Heiligtum, welches bewahrt werden muss. Es geht um die Konservierung des Vorhandenen. Die Theologie wird dadurch stark fundamentalistisch. Da es nicht um die Bewahrung eines lebendigen Organismus von realen Menschen, die in einer dynamischen Gemeinschaft leben, geht, haben die einzelnen Personen in sich keinen Wert. In der logischen Konsequenz kommt es dann leicht zu Machtmissbrauch und seelische Vergewaltigung der Individuen. Das Kollektiv ist dann wichtiger als die Menschen die dazu gehören. Mitglieder, Mitarbeiter und auch Leiter werden mit menschenverachtender Gleichgültigkeit dem Erhalt der Institution geopfert. Das Überleben der Institution ist dann wichtiger, als das Überleben der Einzelnen. Die Institution verwandelt sich zum "Unheilbringenden Heilsträger", der niemand mehr Heil bringt. Damit hat solch eine christliche Gemeinde oder Kirche aufgehört Kirche Jesus Christi zu sein.
Diese Gruppen sind in der Regel von der Welt so sehr distanziert, dass keine wirkliche Beziehung zwischen christlicher Gemeinde und Umwelt besteht. Somit entsteht der Eindruck, dass auch Gott selbst sich nicht um die Welt kümmert und sich von ihr abgewandt hat, denn auch hier wird Evangelium für die Welt nicht gelebt. Das Leben in solcher Frömmigkeit ist die Leugnung der Inkarnation Gottes als Mensch und damit die gelebte Leugnung des Evangeliums von Jesus Christus. Diese Haltung und dieser Ausdruck verkündigt den Menschen, dass Gott diese Welt und die Menschen darin, nicht liebt.
Wenn Gott sich nicht um die Welt kümmert, dann gibt es kein christliches Evangelium. Genau das geschieht, wen die Kenosis und die Inkarnation Gottes in Jesus von Nazareth philosophisch oder durch Praxis geleugnet wir. In einer Kommunikation wird das kommuniziert, und  zwar nur das, was verstanden wurde. Wenn die Menschen in unserer Gesellschaft nicht verstehen, dass Gott sie liebt, haben wir, die wir verkündigen, ihnen kommuniziert, Gott liebt Euch nicht. Der Deismus in unserer Welt ist das Resultat der verbalen und gelebten christlichen Verkündigung. Die leeren Kirchen zeugen davon, dass Gott für die Menschen irrelevant ist. Damit steht die Christenheit vor der eigentlichen Gottesfrage. Wer ist Gott? Ist es so? Oder gilt, dass Gott Menschen liebt?
Welches Gottesbild vermittelt die Kirche Christi im 21. Jahrhundert? Hat er sich, wie es in den animistischen Religionen gelehrt wird, schmollend zurückgezogen, da die Menschen ihn nicht ehren?(2) Oder ist Gott von Anfang an, der total andere, wie im Islam der von den Menschen distanzierte Allmächtige, bei dem es nur eine sklavische Unterwerfung gibt?(3) Oder ist er, wie im Hinduismus, so mit der Welt verwoben, dass er selber als Person nicht existent ist und damit das Sein an sich das Problem ist?(4) Ist Gott nur im Verlangen des Menschen existent, und wenn dieses zur Ruhe kommt, alles Sein im Nichts, oder wie die Buddhisten es sagen, im Nirwana aufgehen?(5) Ist er wie Thor, der hammerschwingende Rächer?(6) Oder ist er gar nicht existent und wir Menschen sind wirklich hoffnungslos allein, hervorgegangen aus dem zufälligen Lotteriespiel der Evolution, ohne Sinn und Zweck, uns selbst überlassen in diese Welt geworfen?(7) Oder hat Gott nun, so wie viele christliche Gemeinschaften es praktizieren, der bösen und verlorenen Welt den Rücken gekehrt und wartet er nur darauf, ihr das verursachte Leid apokalyptisch heimzuzahlen?
Diese Fragestellungen erwachsen, wenn wir die Christen betrachten, das heißt uns die christliche Kirche, einschließlich der Freikirchen anschauen. Apokalyptische Strafreden, gepaart mit einem tiefen Desinteresse an dem Ergehen ihrer Mitmenschen, ausgelebt in elitären Glaubensgemeinschaften(8), lässt die Liebe Gottes zu den Menschen nicht erkennen. Ein junger Mann sagte mir einmal: „Ich glaube nicht daran, dass ihr Christen wirklich glaubt, dass Gott die Menschen liebt! Sonst müsstet ihr anders reden und handeln!“ Leider komme ich nach 35 Jahren Dienst in Kirchen und Gemeinden zu den gleichen Schlussfolgerungen. Festzustellen ist, dass die Kirchen in Europa weitgehend leer sind.(9) Diese beobachtete Realität verlangt nun nach einer grundlegenden theologischen und missiologischen Reflektion. Das vermeintliche Wachstum in einer Gemeinschaft, ist in der Regel durch die Schrumpfung einer anderen Gemeinschaft verursacht. Gemeindewachstum hat in vielen Fällen seine Ursache nicht in einer Hinwendung der Menschen zu Gott, sondern in der Abwendung von der vorherigen Glaubensgemeinschaft.
Biblisches Evangelium ist in seinem Wesen die Zuwendung Gottes in Liebe zu dieser Welt. Das ist die Mission Gottes, die Missio Deí. Die Essenz der Frohen Botschaft ist in den Worten des Evangelisten Johannes zusammengefasst: So sehr liebt Gott die Welt, dass er den einziggeborenen Sohn gab, damit jeder Glaubende ewiges Leben hat (Joh 3,16). Die Bibel zeigt auf, dass Gott sich den Menschen nicht entzogen hat. Er hat sich ihnen zugewandt. Er hat sich selber in die Welt gesandt. Er ist ihr so Nahe getreten, dass er Mensch wurde. In der Frage nach dem „Warum das so ist“, stellt Johannes Reimer fest:
Die einfache Antwort lautet – Gott will die Welt, die er geschaffen hat und liebt, retten! Seine Liebe zur Welt ist das starke Motiv zur Missio Deí. Es würde völlig dem Wesen Gottes widersprechen, wenn er die von ihm geschaffene und von Satan korrumpierte Welt fallen lassen würde. (10)

Diese Zuwendung Gottes zur realen Welt, wie sie sich uns  in ihrer Verlorenheit darstellt, ist der rote Faden, der sich durch die gesamte Bibel zieht. In der biblische Botschaft schwingt immer und überall der suchende Ruf Gottes, Adam, wo bist du? (1.Mos 3,9) mit. Die Kenntnis Gottes und seines Wesens, ist Schlüssel zum Heil Gottes (Joh 17,3). Gott ist Mensch geworden, damit Menschen Gott kennen und lieben lernen. Daraus erwächst dann die Beziehung zwischen Gott und Mensch,  aus welcher die Kraft entspringt, transformierend das Leben und die Gemeinschaft der Menschen zu prägen. Aus der Blickrichtung der Selbstsendung Gottes  in unsere Welt, der Missio Deí, versuche ich in dieser Refflektion Theologie zu betreiben.


2 Philip M. Steyne, Gods of Power ( Touch Publikation, Houston, 1992)74
3 Eberhard Tröger, Kreuz und Halbmond (R.Brockhaus, Wuppertal, 1996)18

4 R C Zaehner, Der Hinduismus Seine Geschichte und seine Lehre (Goldmannverlag, München, 1962)53

5 Heinrich Hackmann, Ernst von Waldschmidt, Franz Bernhard, Buddhismus in Die Religionen der Erde III (Goldmannverlag, München, 1966)64
6 Jan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch, (Brill, Leiden, 1962)618
7 Jaques Monod, Zufall und Notwendigkeit (München, Piper, 1971)
8 Alle christlichen Kirchen oder Gruppen, die sich als alleinseligmachende Institution versteht, leugnen den alleinseligmachenden Christus. Die Stellvertretung Christi auf Erden entmachtet den ewigen Christus.
9 Johannes Reimer, Die Welt umarmen (Francke, Marburg, 2008)14
10 Johannes Reimer, Die Welt umarmen – Theologie eines gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus (Francke Buchhandlung, Marburg: 2009)141

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