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Samstag, 18. Mai 2013

Fremdheit



2.4  Fremdheit als Gefahr für die Menschen
2.4.1 Der wachsende Fundamentalismus
So wie die soziale Ungerechtigkeit ist die Fremdheit eine der Wurzeln des weltweiten Terrorismus. Jeder Mensch interpretiert und wertet seine Lebenssituation auf Grund seiner Weltanschauung.  Eine bedrohte Lebenssituation, ohne Hoffnung auf Besserung, gepaart mit den, durch die Globalisierung verursachten kulturellen Identifikationsverlust führt entweder zu einer radikalen Verwerfung des traditionellen Weltbildes, welche zu einer noch größeren Verunsicherung führt, oder zu einem radikalen Fundamentalismus. Geiko  Müller Fahrenholz führt aus:
Beim Fundamentalismus haben wir es mit einer weltweiten pathologischen Reaktion auf unerträglich gewordene Lebensbedingungen zu tun. ... Die Leiden des Fundamentalismus entstehen, wo immer die Fundamente zerbrechen, welche wir Menschen für unseren jeweiligen Lebenskampf genauso nötig haben wie das tägliche Brot[1].

Die Auslieferung an fanatische religiöse Überzeugungen liegt dann nahe. Die Rückbesinnung auf die traditionellen Grundlagen, Überzeugungen und Verhaltensformen geben eine scheinbare Sicherheit der „Richtigen“. Die Einschränkung auf die elementaren Grundwerte einer Kultur vermitteln den überzeugten Fundamentalisten ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dieses tief sitzenden Zugehörigkeitsgefühl kann unbeabsichtigt auf Ausgrenzung gerichtete Leidenschaften nähren, die nach außen gerichtete aggressive Identitäten schafft.[2]
Wenn diese kulturelle Bedrohung mit sozialen Missständen gepaart ist, entwickelt der Fundamentalismus einen atomare Sprengkraft. Soziale Ungerechtigkeit ist ein ethisches Problem und Ethik hat seine Wurzeln immer in der Weltanschauung. Dadurch wird die Globalisierung zu eine religiösen und damit zu einer geistlichen Auseinandersetzung. Dazu führt Detlef Kapeina aus:
Die Aktualität und Bestätigung bekommt diese Herausforderung durch die Globalisierung eines Menschen verachtenden internationalen Terrors, die seit den Flugzeug-Anschlägen auf das Word Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 sichtbare Konturen angenommen hat. Eine realpolitisch, militärisch, selbst geheimdienstlich nicht vorstellbare und in den Griff zu bekommende Macht bösartiger, nahezu teuflischer Perfektion hat globale Züge angenommen.[3]

Dadurch wird deutlich, warum die Auseinandersetzungen der heutigen Zeit alles ökonomisch-religiöse Konflikte sind. Der Ruf nach einer globalen Ethik ist deshalb verständlich. Das Gefühl der eigenen Sicherheit liegt in der interkulturellen Begegnung in dem Vertrauen auf einheitliche Spielregeln. Eine Globalisierung der Wirtschaft braucht einen Weltethos.[4]
In der Spannung zwischen Kapitalismus und Kommunismus sind die sozialen Demokratien Westeuropas entstanden. Durch das Wegfallen des sozialistischen Gegenpols ist der Pendel der globalisierten Weltwirtschaft zum brutalen neoliberalen Kapitalismus ausgeschlagen. Die heutigen ethischen Spielregeln sind von dem Gesetz des Stärkeren bestimmt, der zum Reichtum einiger, auf Kosten der sozialen und ökologischen Umwelt der großen Mehrheit der Menschen geht. Diese erfahren diesen Prozess als Bedrohung ihres Daseins und haben Angst.
Ohne eine Grundlage gemeinsamer ethischer Spielregeln für einer Gemeinschaft, ist ein Zusammenleben nicht möglich. Durch die plötzliche und unvorbereitete Globalisierung, ist die Welt zur Gemeinschaft geworden, ohne eine einheitliche ethische Grundlage zu haben. Diese Spannung wird von vielen Menschen empfunden und deshalb erklärt Hans Küng:
Die heutige Gesellschaft kann in ihrer Tiefe nicht durch Fundamentalismus oder Moralismus und auch nicht durch einen Beliebigkeitspluralismus zusammengehalten werden, sondern nur durch ein verbindliches, verbindendes Ethos, das autonome Selbstverwirklichung und solidarische Verantwortung verbindet.[5]

Eine Gemeinschaft kann auf Dauer ohne einen gemeinsamen Ethos nicht existieren. Für das Wachsen eines Weltethos wird die Zeit knapp, da die Probleme des globalen Zusammenwachsens heute schon so groß sind, dass niemand sie überschauen kann. Eine Weltgemeinschaft ohne gemeinsame ethische Grundlage verfällt logischerweise der Anarchie oder der Diktatur der Mächtigen. Das heutige Erscheinungsbild der Menschheit weißt beide Elemente auf.

2.4.2 Der Zusammenbruch der Kulturen
Die Globalisierung hat durch die technische Entwicklung eine rasante Geschwindigkeit angenommen. Die globale  Dimension des menschlichen Daseins hat weit gehende Folgen für die Kulturen. Die Kultur einer Ethnie, mit seinen Normen, Regeln und Tabus ist seine Abgrenzung, sein Schutz. Das Eigene ist das Gewohnte, das Normale.
Die Begegnung mit dem anderen, dem Fremden stellt immer die eigene Kultur in Frage. Weil das Andere eben anders ist, wird durch das Kennenlernen eben des Anderen die eine andere Möglichkeit eröffnet. Dieses ist einmal eine Bereicherung. In neuen Wegen zu denken und neue Erfahrungen zu machen ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Die Entstehung des brasilianischen Volkes trägt diese Züge. Die brasilianische Küche z.B. ist enorm reich und vielseitig. Auf der Basis der indianischen Genüsse, durch die kräftigen afrikanischen Elemente bereicherte Grundnahrung, haben die Einflüsse von Deutschland und Italien, Japan und China, Syrien und Polen in diesem Land, mit seiner fast paradiesischen Fruchtbarkeit eine der reichhaltigsten und vielseitigsten kulinarischen Genusspalette zu bieten.
Neben der Bereicherung durch die Begegnung mit dem Anderen existiert auch die Bedrohung durch das Fremde. Wenn Frauen in einem abgeschirmten arabischen Dorf ein durchschnitts Europäerin kennenlernen, dann wird ihre ganze Vorstellung von Ehe< Familie, und Leben in Frage gestellt. Wenn in einem Indianerstamm, in dem nur der Shamane bei seinen Beschwörungen Alkohol hatte und dieser nun jedem zugänglich ist, dann werden die vorhandenen Regeln über den Haufen geschmissen und die Autoritätsstrukturen untergraben. Das Gleiche gilt für Europa. Die internationale Musik verdrängt die deutsche Volksmusik. Englische Worte bereichern und zerstören die deutsche Sprache. Maßstäbe, Verhalten, Normen, Regeln die Gestern noch als unaufgebbar galten, werden heute durch die interkulturelle Begegnung in Frage gestellt.
Jede Kultur hat ein gewisses Maß an Lernfähigkeit. Wenn aber die Begegnung mit dem Anderen, wie heute, in der Verschmelzung aller mit allem geschieht, dann kommt alles ins Wanken. Die kulturelle Einordnung und Bewertung des Neuen kann nicht mehr vollzogen werden. Deshalb kommt es zur Beseitigung des Alten ohne aber dafür einen Ersatz zu haben. Niemand ist heute noch in der Lage alles zu erfassen und einzuordnen. Deshalb brechen die Kulturen zusammen.
Aus den Fragmenten der des erlernten, aufgeputscht mit den unverarbeiteten eigenen Erfahrungen schustert sich dann jeder seine eigene individuelle Welt. Die Kultur, die früher dem Menschen ein ethnisches Zugehörigkeitsgefühl gab, wird für den Einzelnen bedeutungslos. Sie zerfällt in kleinste und individuelle Subkulturen, die dann wieder sich durch die Abgrenzung definieren. Klaus W. Müller schreibt dazu:
Viele sehen diese Entwicklung mit Besorgnis. Sie versuchen zu bewahren, zu retten was zu retten ist. - Aber was gibt es dabei zu retten? Die eigene Kultur? Die Sprache? Die Werte? Die Religion? Den Individualismus? Die Tradition? – Es entsteht eine neue Kultur, die (nach L. Käser) eine neue Strategie zum Überleben in dieser neuen Welt ist.[6]


[1] Geiko Müller-Fahrenholz, Wenn die Seele den Halt verliert – Fundamentalismus als Verlust von Lebenssinn in , im Jahrbuch Mission 1995 Fundamentalismus (Missionshilfe Verlag, Hamburg: 1995)20
[2] Giandomenico Picco u.A., Brücken für die Zukunft – Eine Initiative von Kofi Annan, deutsche Ausgabe durch die Stiftung für Entwicklung und Frieden, (S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.:2001)22
[3] Detlef Kapteina, Die globale Dimension des Missionsbefehls in Klaus W. Müller (Hrsg) Mission im Kontext der Globalisierung -  Referate der Jahrestagung 2002 des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM) (VTR, Nürnberg: 2002)
[4] Frank Kürschner-Pelkman,Die Debatte über das Projekt Weltethos, im Jahrbuch Mission 1999 Glaube und Globalität (Missionshilfe Verlag, Hamburg: 1999)124
[5] Hans Küng, Weltethos – eine kleine Einführung, in, im Jahrbuch Mission 1999 Glaube und Globalität (Missionshilfe Verlag, Hamburg: 1999)130
[6] Klaus W. Müller,  Vorwort des Herausgebers in Klaus W. Müller (Hrsg) Mission im Kontext der Globalisierung -  Referate der Jahrestagung 2002 des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM) (VTR, Nürnberg: 2002)7

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